PO-2022



Hans Ostapenko × MNPL
Kunst im öffentlichen Raum, Installation, Beton, 
3,60 × 1,20 × 2,12 m





















Solitär steht ein Stück Mauer aus Stahlbeton. In den nüchternen Rhomben zeichnen sich alternierend Licht und Schatten ab. Normalerweise schließen Mauern aus, schließen ein. Nach Haut und Kleidung bildet auf Basis von Gottfried Sempers Bekleidungstheorie Architektur die dritte den Körper umfangende Schutzhülle, ist zugleich Barriere. Was, wenn sie mehr Barriere als Schutzhülle wird? Wovor wird das Innen beschützt? Eine Mauer mehr noch als ein Zaun manifestiert und befördert Spaltung, schreibt sich als unüberwindbare Barriere ein in ihre Umgebung. Zwei Seiten, wo stehst du? Drinnen oder draußen?

„PO-2022“ (2022) ist eine politisch-künstlerische Reaktion auf den seit 2014 andauernden russischen Krieg gegen die Ukraine. Aus dem Angriffskrieg ist ein Abnutzungskrieg geworden, der starke Züge eines Genozids trägt; ein diplomatisches Ende ist von russischer Seite seit Jahren weder gewollt noch als Option denkbar. Ausgangspunkt der Konzeptplastik ist das Gefühl politischer Ohnmacht und die Erfahrung, dass Europa dem Aggressor keine Schranken zu setzen vermag. Die Skulptur übersetzt diese Erfahrung ins Materielle. Sie ist die physische Form einer Abwendung von einem neoimperialistischen Regime der Unterdrückung, vom Unfreien, vom Undemokratischen, vom Postsowjetischen. Peter Schneider formulierte den Gedanken im Ansatz bereits 1982 in seiner Erzählung „Der Mauerspringer“: Barrieren können fallen, die „Mauer in den Köpfen“ bleibt bestehen. Ostapenko und MNPL nehmen die Metapher beim Wort und bauen sie zurück in Beton. Wo die Trennung mental und politisch nie verschwunden ist, kann sie sich jederzeit erneut materialisieren



Hans Ostapenko wurde 1982 in Odesa geboren, lebt und arbeitet seit 2006 in Dortmund. Die Entstehung von Grenzen und deren symbolische Überwindung sowie das Verhältnis von öffentlichem, halböffentlichem und privatem Raum sind zentrale Fragestellungen innerhalb seines Schaffens, zum Beispiel in seinem seit 2017 fortlaufenden Projekt „Fences“. Als aktives Mitglied unterstützt er die NGO Ukraine Support Bochum. Das achtköpfige ukrainische Kollektiv MNPL bewegt sich an der Schnittstelle von bildender Kunst undArchitektur und hat einen Fokus auf ideologisch aufgeladene Architektur und die Erforschung des städtischen Raums. Als einzelnes Element ist die gemeinsam geschaffene Arbeit „PO-2022“ beiderseitig begehbar, allseitig zu besichtigen, ließe sich spielend leicht umrunden. Beliebig ist die Skulptur deshalb nicht. Ihre Ausrichtung haben die Künstler festgelegt: Sie steht dem Aggressor zugewandt. Als Hybrid greift „PO-2022“ mit dem Rautenrelief die Form des sowjetischen Betonzauns ПО-2 (PO-2) auf und zitiert auf der zweiten Seite die glatte, schmucklose Fläche der Berliner Mauer, deren Höhe von 3,6 Metern sie exakt aufnimmt. Der erste Standort ist die Katharinenstraße in der Dortmunder Innenstadt. Künftig soll die Arbeit in direkter Sichtweite russischer Botschaften und Konsulate in Deutschland und Europa aufgestellt werden.

Der PO-2 (ПО-2) geht auf einen Entwurf des Moskauer Architekten Boris Lachmann aus den 1970er-Jahren zurück, zunächst eine Auftragsarbeit zum Schutz von Militärbasen und Industrieunternehmen. Aufgrund der einfachen Bauweise verbreitete er sich rasant und ist in Industriegebieten sowie Vorstädten bis heute der am häufigsten auffindbare Zaun auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Aus der Distanz betrachtet gilt er inzwischen als Kultobjekt, gerade bei jungen Erwachsenen, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR aufgewachsen sind und Interesse an den Relikten einer nur aus Erzählungen bekannten Ära entwickelt haben. Die vermeintlich ästhetische Gestaltung des Zauns erscheint zunächst paradox. Mithilfe Siegfried Kracauers 1927 erschienenem Essay „Das Ornament der Masse“ lässt sich der PO-2 jedoch als serielles Muster begreifen, welches das es hervorbringende, rationale, abstrakte System in endloser Reihung widerspiegelt. Für die Ukraine und die anderen Länder, denen die Sowjetunion ihre Ideale aufzwang und deren Sprachen sie verbot, ist der PO-2 kein nostalgisches Fundstück, sondern ein Überbleibsel der Besatzung: Mahnmal eines repressiven Regimes und einesSystems, das sich gegen Europa abgrenzte.













Prägend ist der PO-2 bis heute vor allem, weil er billig ist. Wie die improvisierte DIY-Architektur, welche den postsowjetischen Stadtraum überzieht, ist er zuerst eine Kostenfrage, dann eine Folge mangelnder visueller Bildung und eines korrumpierten Bausektors. Ausgerechnet ein Zaun hat sich so neben dem Plattenbau zum gemeinsamen Nenner postsowjetischer Städte entwickelt. MNPL hat diesen Zustand in der Arbeit „Post-Soviet Slum“ ins Bild gesetzt: eine Stadt ohne Horizont, in der Wohnhaus und Zaun aus derselben Gussform zu stammen scheinen. Der PO-2 wurde als modulares Aggregat in Werken gegossen, die ursprünglich fürWohnungsbau Betonteile ausgelegt waren. Die „Grenzmauer 75“, als letzte Ausbaustufe der Berliner Mauer, bestand ebenfalls aus standardisierten Stahlbeton-Fertigteilen, seriell produziert und zusammengefügt. Der industrielle Sozialismus baute seine Grenzen vergleichbar seiner Wohnungen: vorgefertigt, genormt, repetitiv. Es lassen sich aber auch entscheidende Unterschiede ausmachen. PO-2 sperrt aus, die Berliner Mauer sperrte ein.Während die Gestaltung des PO-2 auf Ästhetik bedacht war, kam die Berliner Mauer komplett schmucklos und glatt aus. Das augenfälligste Unterscheidungsmerkmal besteht aber wohl darin, dass die Berliner Mauer fiel, während der PO-2 noch immer steht. Er steht, weil er sich weiterhin verkauft. Für rund 90 Euro lassen sich die Versatzstücke bis heute beim Herstellererwerben, welcher den massiven Beton mit „physisch wie psychisch ein ernstes Hindernis“ bewirbt.

Wie viele Kilometer Zaun seit dem Zerfall der Sowjetunion in Russland entstanden sind, lässt sich seriös nicht beziffern. Unübersehbar ist, dass das Abgrenzen zur Standardlösung geworden ist. Die amerikanische Politologin Wendy Brown machte in „Walled States, Waning Sovereignty“ (2010) deutlich, dass sich Staaten paradoxerweise genau dann verbarrikadieren, sobald ihre Souveränität erodiert. Zäune scheinen somit mehr eine psychologische als eine reale Funktion innezuhaben. Die isolationistische Staatsstimmung inRussland erscheint heute allerdings noch viel gesichtsloser als zu Zeiten des PO-2. Die Geste, „PO-2022“ vor russischen Vertretungen aufzustellen, erinnert an Christo und Jeanne Claude, die 1962 in Reaktion auf den Berliner Mauerbau eine Pariser Straße mit einer Mauer aus 89 Ölfässern versperrten und diese „The Iron Curtain“ nannten. 
Der undurchsichtige ebenfalls Mahnmal, Aufruf, Symbol. Er ist Verweis auf den verstellten Blick auf eine freiere Welt, eine mögliche Zukunft, die noch immer hinter Mauern verborgen liegt. Kulturwissenschaftler James E. Young würde „PO-2022“ als einsogenanntes Gegendenkmal bezeichnen, welches nicht zu stiller Trauer anleitet, sondern anklagt und das Publikum explizit zur Verantwortung aufruft. Was normalerweise der russischen Abschottung dient, steht nun vor genau dessen Türen, kann zugleich als hypothetischer Lösungsansatz verstanden werden. Der PO-2 verliert als „PO-2022“ seine nostalgisch aufgeladene Unschuld und wird zurückverwandelt in das, was ein Betonelement in Reihe eben auch sein kann: eine Grenze



Post-Soviet Slum
MNPL, 2016

TEXT
Julia Stellman

KONZEPT
Hans Ostapenko
MNPL

FÖRDERUNG
Kulturbüro Dortmund

TECHNISCHER SUPPORT
Tanja Hagemann
Vladimir Lavrentyev
Dieter Meese
Ramin Deljo, SPLENDORE atelier
Bernd Bültemeier, Firma Schroeder-Neuenrade
Institut für Bauforschung der TU-Dortmund
Künstler*innenhaus Dortmund

FOTOGRAFIE
Jens Sundheim
Joshua Hoven